VB Jura

Kürzlich erreichte mich die folgende Frage: „Lieber Dominik, ich habe mir einige Stellenausschreibungen angeguckt und eigentlich alle Arbeitgeber erwarten vollbefriedigende Examen – kann man mit weniger Punkten überhaupt einen Job mit mehr als 35.000 Euro Gehalt bekommen?“ Die Antwort lautet: Ja! Und was ihr damit beruflich machen könnt, erkläre ich euch in diesem Beitrag.

Demotivation im Jurastudium

Ich persönlich hatte kein VB, sondern gut sieben Punkte in beiden Examen und war Syndikus in einem Konzern mit zwischen 4.000 und 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in München. Da habe ich mehr verdient als 35.000 Euro im ersten Jahr. Insofern kann ich euch sagen: Es geht.

Ein grundsätzliches Problem im Jurastudium, das mich persönlich auch nervt, ist: Es gibt immer nur Demotivation! Es gibt wenig Lob, keiner sagt mal „Halt‘ durch, das klappt schon!“, sondern alle sagen immer: „Wenn du keine neun Punkte hast, dann kann aus Dir nichts werden!“. Das stimmt nicht!

Examen hin oder her – Ihr habt euer Leben selbst in der Hand

Das heißt nicht, dass man als faule Socke die nicht lernt, durchfällt oder mit vier Punkten besteht  super erfolgreich wird. Aber es heißt auch nicht, dass man ohne neun Punkte arbeitslos wird und auf der Straße landet und nichts mit seinem Leben anzufangen weiß. Das Schöne ist, dass ihr euer Leben selbst in der Hand habt. Wenn man Richter oder Staatsanwalt werden will, dann braucht man natürlich eine bestimmte Punktzahl, um in diesen Job zu kommen. Wenn das nicht klappt, dann muss man sich aber überlegen, wie man sein Leben neu justiert und wie man seine neuen Ziele dann setzt. Wo sich eine Tür schließt, da öffnet sich eine andere. Ganz wichtig ist aber: Wenn ihr keine neun Punkte habt, werdet ihr trotzdem euren Weg gehen.

Großkanzleien vermitteln nach außen ein falsches Bild

Ich hatte, wie gesagt, keine neun Punkte und mir könnte es nicht besser gehen als heute! Ich hätte auch gar keine Lust auf einen Job als Staatsanwalt oder Richter – oder auf einen Job in einer Großkanzlei. Ich habe auch viele Kolleginnen und Kollegen, die keine neun Punkte haben und trotzdem in einer Großkanzlei sind – ich glaube der Schlechteste hatte fünf Punkte im Examen. Das wird natürlich keine Großkanzlei zugeben, weil die nach außen hin vermitteln wollen, dass sie nur die besten Kandidatinnen und Kandidaten akzeptieren. Aber de facto ist das nicht so. Wenn ich also in den Stellenanzeigen lese, Bewerberinnen und Bewerber bräuchten zweimal VB, dann stimmt das so nicht. Man gibt als Arbeitgeber natürlich immer eher zu hohe Anforderungen an als zu niedrige.

Mit einem befriedigenden Examen habt ihr fast überall auch Chancen, reinzukommen. Selbst mit einem ausreichenden Examen – wenn ihr an euren Soft Skills gearbeitet  und ein spezielles Interesse habt – dann ist so jemand mit fünf oder sechs Punkten mehr wert als jemand der vielleicht neun Punkte hat, aber ansonsten nicht viel vorweisen kann.

Profilschärfe sollte nicht unterschätzt werden

Ihr müsst auch ein Profil entwickeln – gute Punkte alleine machen noch kein Profil. Jemand, der zweimal VB hat kann trotzdem jemand sein, der keinen geraden Satz rausbekommt und den man nicht auf Mandanten loslassen würde. Oder dem man bestimmte Dinge nicht zutraut, obwohl er vielleicht ein guter Jurist ist, aber nicht so umgänglich. Mit dem möchte man im Zweifel weniger zu tun haben und zusammenarbeiten, als mit jemandem, der ein schlechteres Examen hat, der aber „normal“ tickt und ein geregeltes Sozialleben hat und auch Interessen außerhalb der Kanzlei. Insofern klare Antwort auf die Frage: Ja! Deswegen solltet ihr euch da nicht mehr Sorgen machen als unbedingt nötig. Wie gesagt: Es ist trotzdem wichtig, dass man Ziele hat und dass man ein gutes Examen schreiben möchte – aber das Leben ist nicht vorbei, wenn es kein VB ist!

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