Coronakrise Jurastudium

Im Zuge der Coronakrise häufen sich die Befürchtungen und Fragen der Unis und  der Studierenden: Wir haben Angst davor, eine Fernuni zu werden. Wann geht die Uni weiter? Geht sie überhaupt weiter? Wird es ein Nullsemester oder ein digitales Semester? Dennoch: Die Coronakrise ist auch eine Chance, die derzeitige Juristenausbildung zu überdenken.

In Corona-Zeiten muss man sich selbst unter Druck setzen

Man hat sich ein bisschen an die neue Situation gewöhnt, aber man fragt sich völlig zu Recht: Wie geht es jetzt eigentlich mit meinem Jurastudium weiter? Ich habe einige Gedanken, die ich dazu mit Euch teilen möchte. Ich bin auch ein bisschen sauer über das, was ich da gerade so von den Universitäten höre – aber alles der Reihe nach. Es ist mittlerweile so, dass jeder von uns im Homeoffice sitzt und irgendwie zu Hause arbeitet oder lernt – man hat mit völlig neuen Problemen zu kämpfen. Man hat keine Vorlesungen mehr, , sondern es spielt sich alles Zuhause ab und damit muss man sich anfreunden.

Man hat keinen zeitlichen Druck mehr, denn Klausuren- und Abgabetermine wurden verschoben oder aufgehoben. Also muss man sich künstlich Druck machen. Das ist schon die erste große Herausforderung, sich zu überlegen: „Was will ich bis wann  fertiggestellt haben?“ So machen es  die Ehrgeizigen. Andere sagen wiederum: „Och, ist doch jetzt perfekt, um einfach mal zu chillen“ – das ist sehr gefährlich: Je mehr Zeit man hat, desto weniger passiert. Wenn man erst in so einer Spirale drin ist und sich dran gewöhnt, um 11 Uhr aufzustehen, dann wird das auch über die nächsten Wochen schwierig.

Aber was wirklich schwierig ist: Mir tun diejenigen wirklich leid, die sich gerade entweder aufs Abi vorbereiten müssten, und nicht wissen, ob es stattfindet – und vor allem die Examenskandidatinnen und -kandidaten, die überhaupt nicht wissen, wann es losgeht. Aber auch alle anderen, die jetzt gerade in diesem Vakuum sind und sich fragen: Wann geht die Uni weiter, geht sie überhaupt weiter? Wird es ein Nullsemester? Wird es ein digitales Semester?

Unis müssen sich Know-how im E-Learning holen

Auf der anderen Seite höre ich von studentischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die ziemlich nah an der Organisation und den Entscheidungsabläufen innerhalb der Unis dran sind: „Ja, natürlich passiert da gerade viel und natürlich machen sich die Dekane an den Universitäten und die Professorinnen und Professoren Gedanken, wie es weiter geht. Aber ich frage mich: Wieso wenden sich die Unis nicht an diejenigen, die sich auch wirklich auskennen mit E-Learning, digitalem Lernen & Co.? Warum bezieht Ihr nicht die Studierenden mit ein? Warum holt ihr euch nicht die Fachschaft dazu? Warum wendet ihr euch nicht an eure Legal Tech-Vereine, die ihr mittlerweile an fast allen Unis habt und holt euch das Know-how dazu, das ihr braucht?

Wir sind momentan an einem Punkt, wo das verstärkt wird, was vorher schon da war. Wenn vorher jemand schon digital gedacht hat, dann ist er absolut in den Startlöchern und bestens vorbereitet, um sich auch auf die Zukunft vorzubereiten. Liebe Unis, wir sind jetzt gerade an einem Scheidepunkt! Corona ist eine Riesenchance, damit wir uns jetzt wirklich mal auf das einstellen, was sich Zukunft nennt und endlich mal begreifen, dass es nicht darum geht, irgendwelche Zettel, einzuscannen und irgendwo hochzuladen, sondern wirklich digital zu werden. Durch die Digitalisierung hat sich vieles geändert und das wird vor der Uni nicht Halt machen.

Digitalisierung ist kein vorübergehender Zustand

Die Unis müssen sich jetzt reinhängen und verstehen, dass die Digitalisierung kein vorübergehender Zustand ist, weil Corona uns  gerade ins Homeoffice zwingt, sondern dass das etwas ist, was wir jetzt langfristig umsetzen müssen. Es gibt Menschen, die sich seit ein paar Jahren mit digitalen Prozessen wirklich intensiv beschäftigen. Liebe Unis: Holt euch bei diesen Leuten Ratschläge und entscheidet nicht selbst: Wie machen wir denn das jetzt eigentlich? Martin Fries war der Erste, der seine Vorlesung über YouTube angeboten hat. Stefan Lorenz ist jemand, der seit Jahren seine Vorlesung als Podcast abrufbar macht. Nehmt euch  solche Leute als Vorbild und kontaktiert diese und macht viel mehr daraus, als eine Reihe von Notlösungen. Sonst werdet ihr überholt werden von denen, die es wirklich gut machen.

Und ja, vielleicht sind alle Unis zukünftig Fernunis und vielleicht gehen Studierende zukünftig dahin, wo sie wissen: Ich habe die größtmögliche Flexibilität. Ich habe nicht irgendwelche ollen Vorlesungen, die hochgeladen werden, sondern ich habe eine Professorin oder einen Professor, die oder der im Studio sitzt, und eine Vorlesung live hält vor 500 Studierenden. Die oder der gleichzeitig Fragen beantwortet, weil sie oder er einen Bildschirm hat, auf dem die Fragen eingeblendet werden. Vielleicht können dann sogar die Fragen der Studierenden per Videostream unmittelbar eingeblendet werden. So sieht die Lehre der Zukunft aus!

Das Konzept Staatsexamen auf den Prüfstand stellen

Es ist aus meiner Sicht jetzt auch der Zeitpunkt, um das ganze Prinzip des Examens auf den Prüfstand zu stellen, denn ehrlich gesagt: Ich kenne keinen Anwalt, ich kenne keinen Staatsanwalt, ich kenne keinen Richter und ich kenne auch keinen Unternehmensjuristen, der –  wenn er oder sie einen Fall auf den Tisch bekommt – fünf Stunden Zeit hat, um diesen Fall ohne Kommentar, sondern nur mit dem Gesetz, Stift und Papier zu lösen. Das ist nicht die Realität! Es mag sein, dass man in dieser künstlichen Situation das Systemverständnis von Jura besser abfragen kann. Aber das ist nicht die Realität und ich frage mich: Wollen wir als Juristinnen und Juristen nicht vielleicht auf die Realität vorbereitet werden?

Referendare verlieren ihre Jobs

In NRW wurden nun einfach mal drei Wochen vor dem Start des Referendariats den Referendaren absagt. Ihr habt Euch die letzten Jahre offensichtlich mit dem Thema Digitalisierung 0,0 beschäftigt und seid jetzt überfordert! Das Ministerium in NRW meint, dass es momentan keine Möglichkeit sieht, Referendare auszubilden – und sie nehmen Referendaren, die vielleicht umgezogen sind, die vielleicht ihren Job aufgegeben haben, die vielleicht in eine andere Stadt gezogen sind, die Möglichkeiten mittels der Unterhaltsbeihilfe, ihre  Kosten zu decken. Das ist aus meiner Sicht nicht nachzuvollziehen.

An den entscheidenden Stellen sollte  die Frage gestellt werden, ob jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, um dieses ganze Examen, das schon seit vielen Jahren in der Kritik ist – dieses Hinarbeiten auf einen Beruf, den später nur ein kleiner Teil der Jurastudierenden ausübt, diese althergebrachte Organisation, dass du ein Examen schreibst und alles, was du vorher geleistet hast, zählt nicht. Vielleicht sollte man das in einem Zug jetzt auf den Prüfstand stellen und überlegen: Wie sieht es aus mit dem digitalen Examen? Digitales Examen heißt nicht: Ich schreibe auf Papier, fotografier es ab und dann korrigiert es jemand, sondern das heißt: Vielleicht schreiben wir zukünftig unsere Klausuren am Computer.

Jurastudierende brauchen mehr Flexibilität im Studium

Ich coache Studierende seit ungefähr zwei Jahren. Ein paar von denen habe ich schon persönlich getroffen, die sitzen verteilt in ganz Deutschland. Wir machen seit knapp zwei Jahren regelmäßige Video-Calls. Ich weiß mehr über meine Studierenden als jeder Uni-Professor, der wahrscheinlich größere Gruppen hat –  aber das physisch macht. Im Gegensatz zu dem haben wir nämlich einen Austausch. Ich habe jeden Tag mit meinen Mitarbeitern in der Kanzlei einen Call. Jeden Morgen um 9:30 Uhr, bei dem wir uns gegenseitig auf den aktuellen Stand bringen. Wir haben mittlerweile, dank der Digitalisierung, eine bessere Meeting-Kultur, als wir es vorher hatten, als jeder vor sich hingearbeitet hat.

Ja, es wird physische Vorlesungen, in irgendeiner Weise, irgendwann wieder geben. Vielleicht mit mehr Sicherheitsabstand, vielleicht passen dann nicht mehr so viele Studierende in einen Vorlesungssaal, aber es muss doch möglich sein, dass man Vorlesungen streamt, dass sie live gestreamt werden bei YouTube oder innerhalb eines geschlossenen Systems.

Digitale Vorlesungen als Ergänzung statt Konkurrenz verstehen

Eine solche aufgezeichnete Vorlesung kann man hinterher auch abrufen. Was ist denn das für eine Herangehensweise, zu sagen: „Entweder der Student kommt zu mir in die Vorlesung oder er verpasst es.“ Das ist heute nicht mehr zeitgemäß! Martin Fries hält schon seit langer Zeit Vorlesungen über YouTube und wurde teilweise von Universitäten gefragt: „Wer kommt denn dann noch in ihre physische Vorlesung?“ Das ist ein Denkfehler. Das ist der falsche Ansatz. Es geht nicht darum, dass das eine das andere ersetzt, sondern es geht darum, möglichst viele Studierende möglichst gut zu erreichen!

Die Welt verändert sich gerade extrem und liebe Unis, Prüfungsämter und Ministerien: Ihr müsst euch mitverändern und euch Gedanken darüber machen, wie man jetzt den großen Schritt machen kann und wie man das Jura-Examen ins 21. Jahrhundert transportieren kann. Liebe Studierende, ich wünsche Euch, dass ihr gut durch die nächste Zeit kommt und euch nicht den ganzen Tag nur mit den Infektionszahlen beschäftigt. Beschäftigt euch mit euch, eurer Zukunft und konzentriert euch ein bisschen mehr auf euch.

WIE geht es mit der Uni jetzt weiter? #Corona

Foto: Adobe Stock/©SFIO CRACHO