Verwaltungsjuristen

Bei vielen Jurastudierenden löst das Verwaltungsrecht Gähnen aus, so Dr. Lothar Becker, Leiter des Rechtsamtes der Stadt Köln. Dabei ist das Berufsbild VerwaltungsjuristIn nach seinen Angaben so vielseitig wie Jura nur sein kann. Im Interview gibt er einen kurzen Einblick darüber, womit er und sein Team sich im Arbeitsalltag beschäftigen und was man als PraktikantIn bei der Stadtverwaltung lernt.

Herr Dr. Becker, könnten Sie zum Einstieg einmal die Strukturen in Ihrer Abteilung erklären?

Wir sind keine klassische Verwaltungsbehörde, würde ich sagen. Die Stadt Köln beschäftigt insgesamt 19.500 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die sich auf über 50 Ämter aufteilen. Davon sind 40 Juristen und Juristinnen, die in der Rechtsabteilung in Praxisgruppen arbeiten, die sich an den Zielen der Stadtverwaltung orientieren:

Die Praxisgruppe „Bauen“ besteht aus Fachjuristinnen und -juristen aus dem Bau- und Architektenrecht. Die Stadt baut Schulen oder Kitas, saniert und modernisiert Brücken, Straßenbahnlinien oder andere Infrastruktur. Diese Vorhaben werden von der Planung bis zur Fertigstellung von uns juristisch begleitet.

Das Team „Planen und Genehmigen“ kümmert sich um die Anforderungen einer wachsenden Großstadt an Stadtentwicklung und Genehmigungsprozesse.  Die KollegInnen stellen sich täglich die Frage: Wie schaffen wir es, Prozesse zu vereinfachen und zu beschleunigen? Hier ist vor allem Projektmanagement gefragt.

Damit zusammen hängt natürlich das Team, das sich das Team „Vergaberecht“ nennt. Gemäß den Vorschriften werden hier Unternehmen entsprechend beauftragt. Im Grunde hat jede Juristin und jeder Jurist dort einen Fachanwalt im Vergaberecht, auch wenn man diesen Titel offiziell nicht trägt.

Wer im Arbeitsrecht fit ist, kümmert sich um die operativen Angelegenheiten beim Personalamt. Öffentliche Arbeitgeber tun sich in der Regel schwer, Personal zu finden. Das Recruiting entwickeln wir aber kontinuierlich weiter. Die ArbeitsrechtlerInnen im Personalamt sorgen u. a. dafür, dass tarifrechtliche Vereinbarungen eingehalten werden.

Das Team Öffentliches Recht ist hingegen sehr viel auf einem Gebiet tätig, das man gut mit Unternehmensberatung vergleichen kann, fast schon wie klassische AnwältInnen. Dieses Team vertritt die Stadt in sämtlichen verwaltungsgerichtlichen Verfahren –  welche Prozesse und Entscheidungswege wie besser gemacht werden können.

Dann gibt es noch die Zivilrechtsgruppe. Hier geht es um Vertragsmanagement, Veräußerungsrecht, Mietrecht oder Lizenzrecht.

Was macht den Job des Verwaltungsjuristen attraktiv im Vergleich zur klassischen Kanzleikarriere?

Wir haben tatsächlich einen hohen Zulauf von neuen MitarbeiterInnen aus klassischen Kanzleien. Die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielt hier eine große Rolle. Leider ist das nach wie vor größtenteils für Frauen ein ausschlaggebender Faktor. Viele motiviert aber auch, dass das Ergebnis ihrer Arbeit nicht so abstrakt ist. Eine meiner Kolleginnen erzählte neulich, dass Sie am Genehmigungsprozess für den Bau einer Kita mitwirkt und jeden Tag an der entsprechenden Stelle, wo diese einmal stehen soll, vorbei radelt. Das Ergebnis ihrer Arbeit in der Anwaltskanzlei war viel weniger greifbar.

Welche Entwicklungsmöglichkeiten bieten Sie Ihren Juristinnen und Juristen?

Im Prinzip gibt es bei uns zwei Karrierewege, die man einschlagen kann: die klassische Fachkarriere und eine Führungskarriere. Bei der klassischen Fachkarriere spezialisiert man sich auf einen Fachbereich, ähnlich wie ein Fachanwalt, und ist dann der oder die Experte bzw. Expertin für ein bestimmtes Gebiet innerhalb der städtischen Verwaltung. Wer die sogenannte „Führungskarriere“ einschlägt, wird sich nicht nur mit juristischen Themen auseinandersetzen, sondern eine Entscheidungsfunktion übernehmen. Wir bereiten unseren Nachwuchs im Rahmen von intensiven Trainee-Programmen auf eine solche Position vor.

Hat man die Möglichkeit, schon während des Studiums bei Ihnen „reinzuschnuppern“?

Natürlich sind wir immer interessant als Wahlstation, aber wir bieten auch Verwaltungspraktika für Jurastudierende an. Für viele mag das auf den ersten Blick Gähnen auslösen, aber wir müssen den Nachwuchs davon überzeugen, dass wir ein bunter Arbeitgeber sind. Vielen ist diese Option aber auch einfach nicht bekannt!

Wie ist so ein Praktikum organisiert?

Pro Jahrgang haben wir in der Ferienzeit zwei Gruppen mit bis zu 25 Studierenden. Anfangs gibt es eine Begrüßungsveranstaltung. Darüber hinaus trifft man sich alle zwei Wochen, um Erfahrungen auszutauschen und seine Lernfortschritte zu präsentieren. Dabei durchläuft man ganz unterschiedliche Stationen: Man erhält Einblick in die Organisation von Museen, besucht Ratssitzungen, Gerichtstermine und vieles mehr. Eine Praktikantin hatte neulich die Gelegenheit, Erfahrungen im Ausländeramt zu sammeln. Sie wirkte an Visaverfahren mit und kommunizierte mit ausländischen Botschaften, um eine Dokumentation zu erstellen. Diese ist für unsere tägliche Arbeit heute noch sehr nützlich. Sie saß auch im Backoffice und hat dort rechtliche Fragestellungen erörtert.

Herr Dr. Becker, ich danke vielmals für das Gespräch!

Das Interview führte Bettina Taylor.

Weitere Infos zum Praktikum für Jurastudierende bei der Stadt Köln:

www.stadt-koeln.de/verwaltungspraktikum

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