Juristenausbildung

 

 

Lesen Sie hier den ersten Teil der Debatte…

Diskussionspanel Nr. 2: Welche Fähigkeiten müssen Anwältinnen und Anwälte von morgen mitbringen?

DiskussionsteilnehmerInnen:

  • Steffen Kootz – Gründer, Vorstandsvorsitzender | eLegal
  • Florian Specht – Lehrbeauftragter | Leibniz Universität Hannover
  • Martin Fries – Privatdozent | Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)
  • Arne Gärtner –Legal Operations Manager | Linklaters
  • Johannes Maurer – Head of Business Development | BRYTER
  • Lara Sophie Hucklenbroich – Vorstandsmitglied | Legal Tech Labs Frankfurt, Moderatorin

Hucklenbroich: Die Diskussion wird sich damit beschäftigen, was es für neue Anforderungsprofile an angehende Juristinnen und Juristen gibt und wie die Universitäten darauf reagieren können. Und damit komme ich schon zur Vorstellung unserer Gäste – ich begrüße ganz herzlich Martin Fries, Privatdozent an der LMU und durch seine Ringvorlesung zum Thema Legal Tech in Deutschland bekannt geworden.

Martin Fries: Genau, ich mache gerne Zivilrecht, Zivilprozessrecht und dann aber auch Legal Tech– je digitaler, desto besser, ich nutze am liebsten YouTube für meine Vorlesungen.

Hucklenbroich: Dann machen wir Florian weiter. Florian ist Lehrbeauftragter an der Leibniz-Universität in Hannover und er veranstaltet seit einigen Jahren eine Einführungsveranstaltung zum Thema Legal Tech und organisiert das Legal Tech-Meetup in Hannover.

Florian Specht: Guten Tag! Also das Meetup ist eine Zusammenkunft, wir laden immer ein paar Speaker und Speakerinnen ein, die uns ein bisschen etwas zur Digitalisierung erzählen. Nebenbei bin ich auch tätig für die QNC GmbH, die betreiben zum Beispiel die Plattformen frag-einen-anwalt.de oder 123recht.de.

Hucklenbroich: Johannes Maurer, du bist Rechtsanwalt, Software-Entwickler und Gründer des Startups Lex Superior.

Johannes Maurer: Genau, der Hintergrund ist der, dass ich 2015 nach meinem Ersten Staatsexamen mir im Grunde das Programmieren selbst beigebracht habe. Seit Juni 2019 bin ich bei Bryter, einer Automatisierungssoftware und entwickle dort Legal Tech-Produkte.

Hucklenbroich: Dann haben wir noch Steffen Kootz, du bist Student an der Göttinger Universität, Gründer und Vorstandsvorsitzender von eLegal aus Göttingen.

Steffen Kootz: Ja ganz genau, wir haben uns im Mai 2019 gegründet, weil es an unserer Universität überhaupt kein Angebot zu Legal Tech gab. Wir hatten aber den Eindruck, dass viele Studierende noch nicht wirklich wissen, was dahinter steckt.

Hucklenbroich: Und zuletzt Arne Gärtner, du bist Diplom-Kaufmann und leitest den Bereich Legal Operations bei Linklaters und warst vorher an der Bucerius School on the Legal Profession tätig.

Arne Gärtner: Genau, ich bin BWLer, war lange an der Bucerius und habe insofern auch ein bisschen meine eigenen Erfahrungen mit juristischer Ausbildung gemacht. Ich bin bei Linklaters für die Digitalisierungsstrategie, die Einführung von Legal Tech Tools, Ideenmanagement etc. verantwortlich. Ich beschäftige mich aber auch z.B. mit der Frage, wie wir unseren Anwältinnen und Anwälten das Programmieren beibringen.

Hucklenbroich: Erste Frage: Welche neuen Skills muss die angehende Juristin, der angehende Jurist draufhaben –  muss man programmieren können?

Maurer: Dazu habe  ich eine etwas andere Meinung als viele andere – ja, besser wäre es, es ist nur nicht realistisch. Unser Studium dauert ja schon fünf Jahre, dann kommen noch zwei Jahre Referendariat dazu. Daher kann das niemand erwarten. Auch Bryter ist natürlich eine Software, die gerade diese Lücke schließt. Allerdings merke ich auch, dass man Programmierer-Allgemeinwissen sehr gut in meinem Bereich gebrauchen kann.

Hucklenbroich: Arne, vielleicht kannst du aus der Praxis berichten: Wie ist das, wenn ihr neue Leute sucht? Werden da solche Skills erwartet?

Gärtner: Wir machen jetzt seit zwei Jahren Coding-Kurse, um die Basics zu vermitteln. Unser Ziel ist es aber nicht, dass unsere Anwälte programmieren können. Wir betrachten das sehr kaufmännisch: Anwältinnen und Anwälte sind eine teure als Ressource und bis ich einen Anwalt dahin bekomme, dass er so gut programmieren kann wie jemand, der Programmierer ist, habe ich einen sehr sehr hohen Invest. Das macht aus unserer Perspektive keinen Sinn. Sie sollen aber verstehen, was theoretisch möglich ist. Dann können wir sie mit IT-Experten zusammenbringen und daraus werden neue Ideen entwickelt. Ziel ist es somit, interdisziplinäre Teams zu bilden.

Kootz: Das sehe ich ähnlich. Man sollte Juristinnen und Juristen beibringen, Ideen aus dem juristischen Bereich in interdisziplinären Teams zu vermitteln und zu kommunizieren. Wenn man nicht weiß, wie ein Informatiker arbeitet geht das nicht. Aber programmieren können muss man dafür nicht.

Hucklenbroich: Welche Skills möchtet ihr den Studierenden denn in der Lehre vermitteln?

Specht: Für mich geht es darum, eine gemeinsame Sprache zu finden. Ich sollte als Jurist verstehen, was umsetzbar ist. Das erfordert theoretische Grundlagen und ein bisschen praktisches Training. Ich frage die Studierenden immer, was sie schon kennen. Die meisten bringen keine Vorkenntnisse mit. Dann versuchen wir in drei Einheiten zu vermitteln: Was gibt es am Markt? Was gibt es für Geschäftsmodelle? Welche Ideen lassen sich umsetzen? Danach gehen wir zu praktischen Workshops über. Hier wird am am Ende eine Software-Lösung skizziert und entworfen.

Fries: Es ist toll zu hören, was da alles stattfindet. Ich würde das Ganze gerne noch um eine Facette ergänzen. Ich glaube, dass die Digitalisierung nicht nur den Bedarf nach Programmierverständnis, sondern auch ein bisschen „unternehmerische Kräfte“ freisetzt im gesamten Rechtsdienstleistungsmarkt. Das heißt, da sind Anwältinnen und Anwälte, die sich nicht mehr nur als Organe der Rechtspflege verstehen, sondern auch ein bisschen wie Kaufleute arbeiten. Sie sollten wissen, dass diejenigen, die später auf dem Anwaltsmarkt arbeiten, als Konkurrenten solche „Rechtskaufleute“ haben. Das hilft es zu verstehen, wie die ticken.

Hucklenbroich: Wird derartiges betriebswirtschaftliches Wissen demnächst auch im Jurastudium erwartet?

Gärtner: Das ist eine berechtigte Frage. Für uns als Kanzlei ist das extrem wichtig. Unser Geschäftsmodell ist nicht das komplexeste der Welt, aber gerade in internationalen Verfahren und in einer globalen Kanzlei hilft es, wenn unsere Associates ein grundsätzliches Verständnis von  unserem Geschäftsmodell haben. Dafür haben wir eine Linklaters Business-School, wo wir Kurse im Bereich BWL anbieten.

Kootz: Aber in vielen mittelständischen und kleineren Kanzleien gibt es diese zusätzlichen Ausbildungsangebote nicht. Wenn man keine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse hat, ist es teilweise sehr schwer, Mandanten zu beraten, geschweige denn eine Kanzlei zu führen. Solche Fähigkeiten sollten viel intensiver vermittelt werden. Wir mussten im Studium entweder eine Einführungsveranstaltung in VWL oder in BWL besuchen, aber ich denke, das ist noch ausbaufähig.

Hucklenbroich: Wie ausgeprägt muss das technische Verständnis, z.B. zu KI oder zu Blockchain sein?

Maurer: Das eine inhaltliche Frage, also ob man das Jurastudium um weitere Inhalte ergänzt. Das würde der Praxisnähe sicherlich gut tun. Seminare sind dafür sicherlich ein guter Rahmen.

Specht: Der Konsens unter den Studierenden ist ja eher, die Stoffmenge zu reduzieren. Das ist für mich auch immer ein Ausgangspunkt der Überlegung: Wie viel bürden wir den Studierenden auf?

Hucklenbroich: Gibt es denn überhaupt Platz für ein erweitertes Lehrangebot?

Fries: Man kann entweder Veranstaltungen „updaten“ oder neue hinzufügen. Das Hinzufügen neuer Veranstaltungen in einem gegebenen Fächerkanon ist schwer. Mir ist es wichtiger, dass solche Themen in die Breite der Veranstaltungen integriert werden. Das würde dann eher ein Update klassischer Veranstaltungen zu Folge haben. Es wäre tatsächlich wünschenswert, dass man heutzutage keine Veranstaltung mehr machen kann, ohne das Digitale mit einzubeziehen.

Foto: Adobe Stock/FFI-Verlag
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