Richter Arbeitsalltag

 Viele Jurastudierende haben schon zu Anfang Ihres Studiums nur ein Ziel: Richterin oder Richter werden. Immerhin genießt der Berufsstand nicht nur gesellschaftliches Ansehen und gute Bezahlung  – ein hohes Maß an Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum machen die Richtertätigkeit zu einer der beliebtesten Berufe im juristischen Bereich. Doch wie sieht der Arbeitsalltag einer Richterin oder eines Richters wirklich aus? Wir haben Dr. Ingo Werner, Richter und Pressesprecher am Oberlandesgericht Köln, gefragt.

Herr Dr. Werner, wo haben Sie studiert und seit wann sind Sie Richter am OLG Köln?

Meine juristische Ausbildung habe ich in Konstanz und Berlin absolviert. Seit 16 Jahren bin ich Richter, seit ca. sechs Jahren am Oberlandesgericht in Köln.

Übernehmen Sie als Dezernent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit die Aufgaben der Außenkommunikation parallel zu den Richtertätigkeiten?

Pressesprecher bin ich nur mit einem Teil meiner Arbeitskraft. Daneben verhandele und entscheide ich auch Fälle als Richter. Zurzeit bin ich in einem Zivilsenat für Berufungen gegen Urteile der Landgerichte in unserem Bezirk zuständig. Wir sind u. a. spezialisiert auf das internationale Kaufrecht (CISG).

Für viele Jurastudierende ist Richter DER Traumberuf bzw. das große Ziel. War das bei Ihnen auch so?

Ich wollte schon immer eine Aufgabe „mit Sinn“ haben. Bevor ich Richter wurde, habe ich zwei Jahre im Bundesumweltministerium gearbeitet. Unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen erschien und erscheint mir sehr wichtig. Dann ergab sich die Möglichkeit, in den Richterberuf zu wechseln. Die habe ich sofort ergriffen, weil ich wusste: Ein solches Privileg wie unseren demokratischen Rechtsstaat haben nur die wenigsten Menschen auf der Welt. An dessen Erhalt und Verbesserung mitzuarbeiten ist eine erfüllende Aufgabe.

Auf welche Aspekte des Richterberufs hat Sie das Studium gut vorbereitet, auf welche nicht?

Das Rechtliche hat man nach dem Studium eigentlich ganz gut drauf. Zum Richterberuf gehört aber viel mehr. Sie müssen zum Beispiel den Konflikt aushalten können. Im Zivilverfahren ist eigentlich fast immer eine Partei unzufrieden mit Ihnen. Dort geht es auch häufig darum, im Gespräch eine Lösung zu finden, die den Parteien mehr nutzt als ein Urteil. Auch das muss man sich mit der Zeit aneignen. Im Strafrecht werden Sie häufig mit sehr gebrochenen Biografien konfrontiert. Den richtigen Umgang damit lernt man nicht im Hörsaal. Im Familien- und im Betreuungsrecht kommt es auf ganz andere menschliche Qualitäten an. Einige Aufgaben darf man daher auch erst mit einer gewissen Berufserfahrung übernehmen. Außerdem entscheiden wir vieles nicht alleine, sondern sind bei den wichtigen Entscheidungen zu dritt. Bei den großen Strafverfahren entscheidet man sogar zu fünft, mit zwei Schöffen, die keine juristische Ausbildung haben.

Was schätzen Sie an Ihrem Beruf, welche Aufgaben oder Bereiche mögen Sie eher weniger?

Als Richterin oder Richter haben Sie das unglaubliche Privileg, es „richtig“ machen zu dürfen. Es gibt keinen Auftraggeber oder Kunden, für den man sich vielleicht verbiegen müsste. Sie sprechen „Im Namen des Volkes“. Die Gesetze bieten Ihnen (meist) klare Regeln, innerhalb derer Sie den Fall richtig entscheiden dürfen. Auf diese Weise Gerechtigkeit zu schaffen, ist sehr befriedigend. Mindestens so befriedigend ist es, wenn man den Parteien zu einer Einigung verhilft, die es ihnen ermöglicht, auch in Zukunft zusammenzuarbeiten. Es kommt nicht selten vor, dass vor der Gerichtsverhandlung das Tischtuch zerschnitten schien und man sich am Schluss doch auf eine gemeinsame Lösung verständigen konnte.

Mich fasziniert außerdem die Vielfalt der Tätigkeitsbereiche, die man als Richterin oder Richter übernehmen kann. Schon im Zivilrecht sind die Aufgaben sehr bunt: Es gibt spezialisierte Spruchkörper für viele Lebensbereiche, das geht von Arzthaftungsrecht über Erbrecht und Presserecht bis hin zu Wettbewerbsrecht. Außerdem gibt es natürlich das Strafrecht, das die Berichterstattung meist dominiert, das Familienrecht, das Betreuungsrecht und vieles mehr. Außerdem gibt es die Fachgerichtsbarkeiten, die spezialisiert sind im Arbeits- und Sozialrecht, im Steuerrecht und im Verwaltungsrecht.

In bestimmten Fällen kann die Arbeit natürlich auch mühsam sein, etwa wenn die Parteien sich sehr kleinteilig über Dinge streiten oder wenn sehr ähnliche Sachverhalte häufig hintereinander zu entscheiden sind. Als Pressesprecher ist die Arbeit besonders abwechslungsreich. Ich erlebe nicht nur die eigenen Fälle, sondern auch die der Kolleginnen und Kollegen. Außerdem bin ich ehrlich davon überzeugt, dass dieser Rechtsstaat sehr wertvoll ist, viel wertvoller als dies manchmal in der öffentlichen Diskussion erkennbar wird. Dafür rühre ich gerne die Werbetrommel!

Wie nehmen Sie die Work-Life-Balance in Ihrem Beruf wahr? Ist diese ausgeglichen oder sollte man bereit sein, regelmäßig Überstunden zu machen?

Die Work-Life-Balance hängt sehr von der individuellen Arbeitssituation ab. Wenn es häufige Aufgabenwechsel gibt und zwischenzeitlich verwaiste Aktenstapel „aufgeräumt“ werden müssen, dann ist das nur mit hohem persönlichen Einsatz möglich. Mit zunehmender Berufserfahrung werden meistens die Wechsel seltener und man kann auch seine Erfahrung ausspielen. Dann gehen bestimmte Dinge schneller von der Hand, für die eine Berufsanfängerin oder ein Berufsanfänger viel Zeit braucht. In jeder Lebensphase aber gilt, dass man als Richterin bzw. Richter seine Zeit frei einteilen kann. Mit Ausnahme der verpflichtenden Termine kann man seine Arbeit erledigen wann und wo man will. Diese Flexibilität, die andere Arbeitgeber erst Schritt für Schritt für sich entdecken, gab es in der Justiz schon immer.

Legal Tech und Digitalisierung verändern die Justiz stetig. Wie beeinflusst die Digitalisierung Ihren Arbeitsalltag?

Ich bin persönlich direkt betroffen. Unser Senat arbeitet seit kurzem mit der elektronischen Akte. Hier unterstützt der Arbeitgeber die Flexibilität. Für die Arbeit mit der elektronischen Akte werden wir mit Laptops oder Tablets ausgestattet, um auch außerhalb des Büros einsatzfähig zu ein.

Außerdem haben wir während der Corona-Pandemie die ersten Videoverhandlungen durchgeführt. Wir Richterinnen und Richter waren im Sitzungssaal, die Parteien und der Sachverständige haben sich online zugeschaltet. Das ist sicher nicht die Lösung für alle denkbaren Fälle, aber eine schöne zusätzliche Option. Auch davor wurde unsere Arbeit schon von der Digitalisierung geprägt. Insbesondere die großen Urteilsdatenbanken und die online verfügbare Fachliteratur waren ein Riesenfortschritt.

Die Justiz beschäftigt sich auch mit der Frage, wo Legal Tech gewinnbringend eingesetzt werden kann. Es wird meines Erachtens immer so bleiben, dass am Schluss die Menschen entscheiden. Es ist aber wichtig herauszufinden, wo Computer bei der Vorbereitung solcher Entscheidungen helfen können.

Welchen Rat möchten Sie Jurastudierenden geben, die ins Richteramt möchten?

Verschaffen Sie sich ein eigenes Bild, am besten durch ein Praktikum bei Gericht oder bei einem forensisch tätigen Anwalt bzw. Anwältin. Natürlich helfen auch gute Leistungen im Studium. Ob einem der Richterberuf offen steht, hängt am Schluss zu einem gewissen Teil von der Note in den Staatsexamina ab. Es ist aber nicht mehr so, dass nur die Note zählt. Bei der Einstellung wird auch sehr darauf geachtet, dass die richtigen Persönlichkeiten für den Richterberuf gewonnen werden.

Herr Dr. Werner, ich danke vielmals für das Gespräch!

Das Interview führte Bettina Taylor.

Foto:Adobe.Stock/Kzenon