Umweltrecht

Natur, Wasser, Luft, Lärm, Abfall: Kaum ein Rechtsgebiet ist so vielschichtig wie das Umweltrecht. Ein ideales Feld für alle Juristinnen und Juristen, die bei der Arbeit Abwechslung suchen. Mit welchen Mandaten man es als Anwältin oder Anwalt in diesem Rechtsgebiet zu tun hat und was die Arbeit im Umweltrecht auszeichnet – darum soll es in diesem Beitrag gehen.

Der Schutz unseres Klimas und der Natur liegt vor allem jungen Menschen am Herzen, wie unter anderem die Fridays-for-Future-Bewegungen zeigen. Daher ist es keine Überraschung, dass sich immer mehr Jura-Absolventen und Absolventinnen für das Umweltrecht interessieren.

Berufserfahrene im Umweltrecht können die Faszination für dieses Rechtsgebiet nachvollziehen: „Ich finde die technische und die naturwissenschaftliche Komponente unserer Arbeit sehr spannend“, sagt zum Beispiel Dr. Dirk Böhler, der sich seit sechs Jahren als Anwalt in Berlin mit dem Umweltrecht beschäftigt. Weil er ein Rechtsgebiet „zum Anfassen“ bearbeiten wollte, absolvierte er zwischen dem ersten und dem zweiten Staatsexamen an der Universität im englischen Newcastle upon Tyne das Masterstudium Environmental Law and Policy. Nach dem Referendariat befasste er sich zunächst in einer Großkanzlei mit umweltrechtlichen Mandaten, bevor er sich vor drei Jahren selbstständig machte.

Prof. Dr. Wolfgang Klett von der Kölner Umwelt- und Planungsrechtskanzlei Köhler & Klett ist auf ganz anderem Wege zum Umweltrecht gekommen: Vor seinem Jurastudium studierte er Architektur und Stadtplanung. Über die anwaltliche Tätigkeit im Baurecht traf er einen Kollegen, der sich mit Wasserrecht auskannte. Zusammen gründeten sie die Kölner Kanzlei. „Mir gefällt vor allem die Dynamik des Rechtsgebiets“, so Klett. „Techniken rund um das Thema Umwelt und damit auch das einschlägige Recht entwickeln sich immer weiter, das Wissen darüber ist ständig anzupassen.“ Jeder seiner 20 Anwälte und Anwältinnen hat deshalb einen Bereich, auf den er oder sie sich spezialisiert hat. Ansonsten könnten sie aktuelle Entwicklungen gar nicht im Detail verfolgen.

Sollte ich mich im Jurastudium schon mit dem Thema beschäftigen?

Dabei ist es jedoch keinesfalls notwendig, sich bereits im Jurastudium eingehend mit technischen oder naturwissenschaftlichen Fragen zu befassen. „Man muss sich ohnehin in jedem Mandat wieder in neue Themen einarbeiten. Neugier, der Austausch mit der Mandantschaft und ein gutes Netzwerk an Experten und Expertinnen, die einem technische und naturwissenschaftliche Fragen beantworten können, sind viel wichtiger als detailliertes Vorwissen“, betont Dr. Konrad Asemissen, Partner der Potsdamer Kanzlei HSA Rechtsanwälte – Hentschke & Partner, die sich vorrangig mit Umwelt- und Planungsrecht befasst. Die Anwälte und Anwältinnen begleiten Unternehmen, öffentliche Institutionen und auch Landwirte bei Genehmigungsverfahren, etwa für den Bau einer Biogasanlage, einer Abfallhandlungsanlage oder einer Automobil- und Batteriefabrik.

„Es geht dabei nicht darum, aus einem Streit als Gewinner hervorzugehen“, erklärt Asemissen eine Besonderheit des Umweltrechts. „Vielmehr wollen wir einen gangbaren Weg aufzeigen, mit dem alle Beteiligten, sowohl Unternehmen als auch Behörden und Anwohner, zufrieden sind.“ Auch Dirk Böhler hebt den professionellen und höflichen Umgang mit den Beteiligten hervor. „Das ist anders als beispielsweise im Zivilrecht, wo die Konflikte nicht immer nur inhaltlich ausgefochten werden.“ Die Auseinandersetzung mit Entscheidungen der Behörden bringt aber oft mit sich, dass sich Umweltrechtler und Umweltrechtlerinnen durch sehr umfangreiche Verwaltungsvorgänge durcharbeiten müssen, ehe sie mit der rechtlichen Arbeit beginnen können.

Typische Mandate im Umweltrecht – Interdisziplinarität ist gefordert

Typische Fälle, mit denen sich die Kanzlei Köhler & Klett befasst, sind zum Beispiel die Frage nach der Beseitigung von Altlasten und deren Auswirkungen auf den Boden. „In einem unserer älteren Mandate geht es um die Verunreinigung von Grundwasser, die schon rund 50 Jahre zurückliegt. Noch immer ist nicht klar, wie wegen der besonderen geologischen Verhältnisse vor Ort die Beseitigung der Lösemittel aus dem Grundwasser mit angemessenen Mitteln erreicht werden kann“, berichtet Rechtsanwalt Klett. Ein andermal war es seine Aufgabe, bei einer Anhörung in einem Verfahren mit etwa 5000 Einwendern den Bau einer Müllverbrennungsanlage an dem vorgesehenen Standort zu vertreten. „Oft sind die Fälle sehr komplex und erfordern interdisziplinäre Kenntnisse sowie die Zusammenarbeit mit Fachleuten und Sachverständigen aus zahlreichen technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen“, sagt der Anwalt.

Dirk Böhler hatte es ebenfalls schon häufiger mit Bodenkontaminationen zu tun und stand mittelständischen Unternehmen bei der Diskussion mit den Behörden zur Seite. Aber auch Privatleute gehören zu seiner Mandantschaft. Bahnschienen, die so vibrieren, dass sie ein Wohnhaus zum Wanken bringen, Nachbarn, die zu viel Lärm machen – auch das sind Fälle, die in den Bereich Umweltschutz fallen. So wie der Umweltschutz ein fachübergreifendes Thema ist, ist auch das Umweltrecht eine Querschnittsmaterie und kein scharf abgegrenztes Rechtsgebiet. Das Rechtsgebiet reicht vom Naturschutzrecht über das Immissionsschutzrecht – also Lärmbelastung, Luftverschmutzung und Geruchsbelästigung –, das Wasserrecht, etwa Gewässerbenutzung und Hochwasserschutz, bis zu Bodenschutzrecht, Abfallrecht und weiteren Rechtsfeldern. Mandanten können Unternehmen, Institutionen oder Privatpersonen, aber auch Verbände sein. Wer die Vielfalt liebt, dem wird es im Bereich Umweltrecht sicher nicht langweilig.

Angehende Juristen und Juristinnen, die sich für das Umweltrecht interessieren, sollten sich im Referendariat oder als wissenschaftliche Mitarbeitende an spezialisierte Kanzleien wenden. Hier erhalten sie den besten Einblick in das Rechtsgebiet und kommen mit aktuellen Fällen aus dem Umweltrecht in Kontakt. Worauf sie sich dann als Anwalt oder Anwältin letztlich spezialisieren, hängt häufig von der Art der Mandate ab, mit denen sie sich in der Praxis beschäftigen. Oft werden Kanzleien aufgrund erfolgreicher Einsätze für ähnlich gelagerte Fälle weiterempfohlen.

Fazit: Umweltrecht wird an Bedeutung gewinnen

Konrad Asemissen erwartet auch in Zukunft spannende Themen, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Energiewende oder der Verteilung von Ressourcen wie dem Grundwasser. Wolfgang Klett sieht als Zukunftsthemen etwa den Klimaschutz und damit einhergehend alternative Antriebe für Fahrzeuge mit Wasserstoff und dessen Herstellung und Vertrieb sowie den Bereich Recycling. Nutzungskonflikte, etwa das Wohnen am Wasser versus Sicherheit, oder den immer wichtiger werdenden Hochwasserschutz nennt Dirk Böhler als Beispiele für Themen, mit denen sich Umweltrechtler und Umweltrechtlerinnen künftig beschäftigen werden. Einig sind sich alle: Umweltrecht ist ein extrem dynamisches Rechtsgebiet, das in den nächsten Jahren immer wichtiger werden wird. Jura-Absolventen und Absolventinnen, die sich hier einsetzen wollen, finden mit Sicherheit spannende Aufgabenfelder.

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