So war die Summer School Legal Tech 2019

Zum zweiten Mal hat Prof. Stephan Breidenbach zusammen mit Florian Glatz vom 23.-25. September zur Summer School Legal Tech in die Räumlichkeiten von Mazars in Berlin eingeladen. Auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer warteten drei spannende Tage, die mehr als nur einen ersten Eindruck von dem weiten Begriff Legal Tech vermittelten.

Tag 1 – Rulemapping und Contracts 4.0

Nach einer kurzen Begrüßung durch die Veranstalter und einem Kennenlernen in kleinen Gruppen hielt Prof. Breidenbach den ersten Impulsvortrag zum Thema Rulemapping, der Visualisierung juristischer Regeln. Aber was bedeutet das genau?

Rulemapping beschreibt eine Methodik, mit der regelbasierte Wissensgebiete – wie Gesetze es sind – in visualisierte Baumdiagramme umgewandelt werden. Auf diese Weise kann ausgehend von einer Anspruchsgrundlage jede weitere Folgevoraussetzung präzise mittels eines Pfades abgebildet werden. Dadurch können die verschiedenen Voraussetzungen entweder in kumulativer, alternativer oder sich ausschließender Weise verknüpft werden. Dies ermöglicht Juristinnen und Juristen, vielmehr aber auch dem Laien, Recht in transparenter und nachvollziehbarer Weise zu verstehen. In der nachfolgenden Workshop-Phase erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, diese Methodik beispielhaft auf den Vertragsschluss nach dem Bürgerlichen Recht anzuwenden.

In den anschließenden Vorträgen wurde die Rulemapping-Methode aus der Praxissicht vorgestellt: Dr. Tilo Wend zeigte anhand der Software KnowledgeTools, wie ein Antwortschreiben auf einen Ablehnungsbescheid der Rechtschutzversicherung automatisch generiert werden kann. Danach berichtete Matthias Schmid, Referatsleiter im Bundesjustizministerium, über den Einsatz von Visualisierungssoftware im Gesetzgebungsprozess.

Wie verändert Legal Tech die Vetragsgestaltung?

Zum Abschluss des Tages stellten Lotta Kufus und Valentin di Negri vom Startup Legal OS vor, wie sich Vertragsgestaltung durch Legal Tech in Zukunft allgemein verändern wird. Dabei sollen sog. Contracts 4.0 Nutzerinnen und Nutzern ermöglichen, eigene Verträge per Mausklick in kurzer Zeit zu erstellen. Notwendig ist dafür, dass die einzelnen Vertragsbestandteile und -klauseln bis in ihre kleinsten Sinneinheiten (Atome) zerlegt werden können. Ein Vorteil dieser Atomisierung ist, dass auf diese Weise ein bestimmter Vertrag passgenau für die Nutzer gestaltet werden kann und ebenso die einzelnen Sinneinheiten vertragstypus-übergreifend verwendet werden können. Die automatisierte Vertragserstellung gestaltet den juristischen Berufsalltag nicht nur effizienter, einfacher und fehlerresistenter, sondern macht die einzelnen Vertragsmodule für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter innerhalb einer Kanzlei nutzbar. Dadurch werden die Qualität und Effizienz der anwaltlichen Arbeit gesteigert und es erlaubt dem Nutzer, sich intensiver auf juristische Streitfragen zu fokussieren.

Tag 2 – Industrialisierung der Rechtsdienstleistung und Blockchain

Wie lässt sich Recht „industrialisieren“? Mit dieser Frage läutete Prof. Breidenbach den zweiten Tag der Summer School ein. Seine Antwort darauf: Durch eine Standardisierung auf hohem Niveau. Hierfür sei es erforderlich, repetitive Elemente des juristischen Arbeitsbereichs zu identifizieren, die sich automatisieren lassen. Durch die Automatisierung verschiedener Arbeitsschritte entstehe eine sog. digitale Fertigungsstraße. Die Kanzlei könne das gesammelte Wissen bewirtschaften und rechtliche Transparenz für den Mandanten herstellen.

Rechtsanwalt Phillip Caba und Yunna Choi zeigten danach in ihrem Vortrag, wie eine solche industrialisierte Rechtsdienstleistung konkret im Kanzleialltag profitabel sein kann. Eine Standardisierung auf hohem Niveau hilft vor allem da, wo viele einzelne Fälle auf einen Bezugsnenner bzw. gemeinsamen Faktor reduziert werden können, explizit in Massenverfahren. Voraussetzung ist eine entsprechende Software, welche die vielen Fallgestaltungen automatisch in juristische Kernsegmente separiert und die streitigen Komponenten herausfiltert. Mithilfe dieser Vorarbeit kann die Anwältin bzw. der Anwalt dann in kürzester Zeit Schriftsätze fertigen, die auf die juristische Kernarbeit fixiert sind.

Legal Tech wird neue Berufsbilder für Anwältinnen und Anwälte hervorbringen

Durch diese „industrialisierte“ Arbeitsweise geht aber auch eine Veränderung des juristischen Berufsbildes einher. Dort, wo früher noch wissenschaftliche Hilfskräfte oder sogar Rechtsanwälte die nötige administrative Vorarbeit geleistet haben, dient nun Software als Hilfs- und Gestaltungsmittel. Gleichzeitig entwickeln sich neue Berufsbilder in der juristischen Branche. Der Legal Architect wird beispielsweise als Präzisionsjurist juristische Argumentationsgrundlagen bilden, die sich auf seinen rechtlichen Wissensschatz beziehen. Darauf aufbauend wird der Legal Engineer diese juristische Argumentationsstruktur in einen technischen Prozess übersetzen und zuletzt der Legal Dataanalyst die gesammelten Datenpunkte bedienen sowie das Wissen für die Kanzlei bewirtschaften.

Der Vortrag am Nachmittag unter der Leitung von Florian Glatz stand im Fokus der Blockchain-Technologie, mit Hinblick auf die Frage, wie eine Blockchain den Rechtsmarkt beeinflussen wird. Eine Blockchain besteht zunächst aus einer Datenbank unveränderlicher Art, die bestimmte Informationen –(z.B. die Transaktionsdetails eines Bitcoins oder eine notarielle Eheschließung)– beinhaltet und fußt auf einer dezentralen Netzwerkteilung. Kurzum: Eine Blockchain konvertiert Fakten in Daten durch algorithmisch gestützte Konsensmechanismen. Es entsteht eine systematische Aufzeichnung in der Blockchain, die sämtliche Transaktionsdetails der Netzwerkteilnehmer beinhaltet. Neben jenem sog. Asset-Register kann eine Blockchain aber auch die rechtlichen Beziehungen zwischen den Beteiligten digital abbilden. Solche Smart Contracts ermöglichen zum einen, die Rechtsbeziehung zwischen den Parteien zu dokumentieren, zum anderen, die Erfüllung des Vertrages automatisch und ohne einen Mittelsmann (wie etwa den Zahlungsdienstleister Paypal) zu erzielen. Mithin ergeben sich zahlreiche Anwendungsfälle im Rechtswesen, die durch Blockchain-Technologie neu gestaltet werden können. Dazu gehören unter anderem Bereiche wie die automatische Durchsetzung von Ansprüchen oder die Koordination von Vermögenstransaktionen. Auch eine Buchführung kann so in ein dezentral verwaltetes System umgestaltet werden, sodass dessen Informationen zentral zugänglich werden.

Tag 3 –Künstliche Intelligenz und Legal Design

Den letzten Summer School Tages eröffnete Tianyu Yuan mit einem Impulsvortrag zum Thema Künstliche Intelligenz (KI). Diese soll primär bewirken, dass kognitive Aufgaben automatisiert werden. Die Software muss jedoch vorher eine repräsentative Datenmenge besitzen, anhand derer sie ein zukünftiges Ereignis entscheiden kann. Dieser Vorgang wird durch Machine Learning beschrieben: Ein Algorithmus wird durch Daten „trainiert“, um ein gewünschtes Verhalten oder ein Entscheidungsziel zu optimieren. In Bezug auf den juristischen Kontext erscheint das durch die Ausprägung normativer und deskriptiver Rechtsbegriffe jedoch deutlich schwieriger.

Dafür wurde beispielhaft die Entscheidungsfindung für das Tatbestandsmerkmal „Sache“ im strafrechtlichen Kontext aufgeführt. Mit einer repräsentativen Datenmenge ist es jetzt grundsätzlich möglich, dass die Software ein Auto als eine Sache erkennt. Schwieriger wird es jedoch in Bezug auf eine Katze. Denn hier ist schlussendlich der Input und das Feedback des Menschen maßgeblich. Der Mensch nimmt in diesem Fall eine eigene juristische Würdigung des Tatbestandsmerkmals vor. Nur anhand seiner juristischen Würdigung kann die Maschine dann korrekt entscheiden.

Daran anschließend diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen mit Rechtsanwalt Tom Brägelmann über die juristischen Chancen und die rechtspolitischen Risiken beim Einsatz von KI in der Justiz. Besonderes Augenmerk lag dabei auf der Fragestellung, inwiefern der tatsächliche Sachverhalt für eine Maschine juristisch korrekt zugänglich gemacht werden kann.

Design-Thinking als innovationstreibende Denkmethode

Nach dem Impuls rund um Künstliche Intelligenz gab Dalia Moniat einen Einblick in Legal Design und referierte insbesondere über Design Thinking. Design Thinking ist eine Methode, die es erlaubt, den wirklichen Problemkern eines Sachverhalts aus verschiedenen Blickwinkeln zu erforschen und somit einen nachhaltigen Lösungsweg zu finden. Dafür gilt das Grundprinzip, das Problem zu erkennen und zu beobachten. Danach wird mit der Ideenfindung zur eigentlichen Lösung in interdisziplinären Teams begonnen. Innerhalb dieser Ideenfindung liegt ein Schwerpunkt auf einer kreativen Entwicklung und Visualisierung unterschiedlicher Konzeptansätze. Mithilfe von Design-Thinking wird so ein nutzerorientierter Innovationsprozess angestoßen.

Matthias Scheffelmeier illustrierte danach, wie er bei der Non-Profit Organisation Ashoka eine Umstrukturierung hin zu flachen Hierarchiestrukturen erfahren und begleitet hat. Auch in der juristischen Branche entsteht ein Umbruch, der die Arbeitsweise, Organisation und Prozesse verändern wird. Daher ist für angehende Juristinnen und Juristen entscheidend, wie sie sich im neuen Umfeld von „New Work“ einbinden und davon profitieren können. Dabei entstehen gleichzeitig neue Geschäftsmodelle, die durch Juristinnen und Juristen gestaltet werden können. Gerade die Automatisierung von Arbeitsabläufen stellt ein breites Spektrum dar, in dem großes Innovationspotenzial steckt. Die Möglichkeiten neuer Geschäftsmodelle stellte Janina Erichsen als Rechtsanwältin und Beauftragte für Legal Tech in ihrer Kanzlei vor.

Ein abwechslungsreiches Format bot das anschließende Gründerpanel mit Lotta Kufus und Anne Kjaer Riechart. Unter der Leitung von Prof. Breidenbach diskutierten die beiden Gründerinnen zum Thema Fundraising und Female Entrepreneurship. Anne Kjaer Riechart demonstriert mit ihrer Non-Profit-Organisation ReDi School for Digital Integration, wie eine erfolgreiche Integration gelingen und interkulturelles Lernen den Fachkräftemangel in der IT-Branche nachhaltig kompensieren kann. Lotta Kufus berichtete über Female Leadership und die Rolle als Female Founder. Zudem gewährte sie Einblicke in den steinigen Weg von der Idee bis zur Startup-Gründung und zeigte dabei eindrucksvoll auf, wie ihr Startup LegalOS diesen Weg erfolgreich beschreitet.

Entwicklung eigener Legal Tech-Geschäftsideen

Zum Abschluss des Tages wurde den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in einer Workshop-Phase die Möglichkeit gegeben, einem von drei weiteren Themenschwerpunkten vertieft nachzugehen. Eine Arbeitsgruppe fand sich zu einem Diskussionsformat unter dem Motto „Law Clinic 3.0“ mit der LegalTech-Bloggerin Jolanda Rose zusammen und befasste sich mit der Frage, wie studentische Rechtsberatung im digitalisierten Zeitalter erweitert werden könnte. In der zweiten Arbeitsgruppe diskutierten einige Anwesenden zusammen mit Prof. Breidenbach über eine zeitgemäße juristische Ausbildung und die optimale Vorbereitung angehender Juristinnen und Juristen auf ihr zukünftiges Arbeitsumfeld. In der letzten Arbeitsgruppe „Vision eines Geschäftsmodells“ konnten die Interessierten ihre eigenen Ideen für ein Legal Tech-Startup entwickeln. Innerhalb von eineinhalb Stunden sollte die Geschäftsidee für ein eigenes Tool finalisiert sein, welches die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor einer Jury pitchen durften. Die besten Ideen wurden vom Gastgeber Mazars prämiert.

Fazit: Praxis, Theorie und Diskussion – toller Rundum-Blick in Legal Tech

Fest steht, dass die diesjährige Legal Tech Summer School Raum für Diskussionen öffnete, die über die Themenschwerpunkte Automatisierung von Rechtsdienstleistungen, Blockchain und Künstliche Intelligenz hinausgingen. Besonders überzeugt hat dabei das abwechslungsreiche Format aus inspirierenden Vorträgen und praxisnahen Workshop-Phasen Somit wurde deutlich, wie die praktische Umsetzung gelingen kann. Innerhalb der drei Tage wurde viel Wissen vermittelt, dazu bestand jederzeit Raum für persönliche Gespräche mit den Speakern. Das ermöglichte, mehr über das Expertenwissen der Referenten zu erfahren und mit ihnen in näheren Kontakt treten zu können. Die Summer School unterstrich die Relevanz von Legal Tech für den juristischen Alltag sowie dessen Auswirkungen auf das zukünftige juristische Studium.

Vielen Dank für drei tolle Tage. Bis zum nächsten Mal!

Foto: Adobe Stock/phonlamaiphoto 

Johannes Honemann

Johannes Honemann

Johannes Honemann studiert Jura an der Georg-August-Universität Göttingen und ist Vorstandmitglied von eLegal, einer studentischen Legal Tech-Initiative, die sich u.a. dafür einsetzt, Legal Tech und Digitalisierung stärker in die universitäre Ausbildung zu integrieren.
www.elegal-goettingen.de

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