großkanzlei

Heute geht es um die Frage, was Großkanzleien bei der Akquise neuer potenzieller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter falsch machen. Ich habe neulich einen sensationellen Artikel zu dem Thema gelesen, der heißt: „Außer Geld fällt den Kanzleien wenig ein im Kampf um die Besten“ – und da stehen sehr zutreffende Sachen drin!

In dem Kommentar geht es darum, dass Großkanzleien extrem viel Geld ausgeben, um Kandidatinnen und Kandidaten zu bekommen, die die Vorgabe des „Doppel-VB“ erfüllen. Gleichzeitig ist es aber so, dass der Bedarf an den Kandidaten, die diese Noten und diese Voraussetzungen erfüllen, größer ist als der Pool an Examenskandidaten, die diese Anforderungen wiederum erfüllen. Ich habe einmal gelesen, dass es ungefähr 2.000 Stellen gibt, die alleine bei den Großkanzleien besetzt werden sollen, es gibt aber rein statistisch gesehen nur etwa 1.600 Kandidaten, die überhaupt diese Anforderungen erfüllen!

Sind gute Noten für die Tätigkeit als Partner von Nutzen?

Das ist das eine Paradoxon! Das zweite ist: Die Voraussetzung des „Doppel-VB“ braucht man, um in die Kanzlei reinzukommen –  aber das ist ja nur das erste Ziel der Bewerberinnen und Bewerber. Wer in eine Großkanzlei geht, der will natürlich am Schluss auch Partner werden. Man will ja nicht sein Leben lang Angestellter sein, man möchte ja irgendwann an den Goldtopf. Aber als Partner muss man noch ganz andere Fähigkeiten und Kompetenzen vorweisen können als als Anwältin oder Anwalt – und sind da überdurchschnittliche Noten wirklich von Nutzen? Es wird immer schwieriger, Partner in der Großkanzlei zu werden, aber: Wenn man Partner werden möchte, dann muss man mehr drauf haben als nur gute Noten – und genau darum geht es im oben genannten Kommentar.

Partner müssen unternehmerisch denken

Da heißt es: „Für die Berufung in den erlauchten Kreis braucht es am Ende mehr als nur ein Doppel-VB. Zum Beispiel wahren Unternehmergeist“. Genauso ist es! Denn wer Partner in einer Großkanzlei ist, der muss nicht nur seine eigene Stelle finanzieren, sondern auch die der Associates, die für sie oder ihn arbeiten. Und mit finanzieren meine ich: Man muss im wahrsten Sinne des Wortes Mandanten herankarren. Man muss seine eigenen Geschäfte mitbringen und akquise-stark sein, sonst sagen die anderen Partner: „Warum soll ich denn von meinem Geld etwas abgeben, nur damit wir den anderen Partner durchfüttern?“

Mandanten wollen häufig keine Fachidioten

Es ist bei weitem nicht gesagt, dass jeder, der zwei Mal VB hat und eine gute Juristin bzw. ein guter Jurist ist auch ein gutes Netzwerk, starke Soft Skills hat und Mandanten (die häufig keine Juristen sind und keinen Bücherwurm wollen) zufriedenstellen kann. Die wollen häufig keinen, der jede noch so kleine Theorie parat hat, sondern jemanden, mit dem sie auch mal abends was trinken gehen können und sich normal unterhalten können. Diese Mandanten denken so unternehmerisch und pragmatisch, dass sie sagen: „Pass mal auf, wir haben hier ein Problem, ich brauche einen Anwalt – du löst das jetzt!“ Und nicht jemanden, der ein 24-seitiges Gutachten schreibt und am Schluss sagt: „Das könnte schwierig sein“ – davon hat der Unternehmer nichts.

Dieser Aspekt des unternehmerischen Denkens wird bei der Auswahl der Großkanzleien überhaupt nicht berücksichtigt. Zumindest nicht, dass ich wüsste. Dort steht: „Lieber kratzen die Kanzleien mit Not und Mühe ihre Associates aus dem Topf der Absolventen zusammen, scharen ihre junge Elite um sich, schüren die Erwartungen der Associates und verlieren sie am Ende doch“. Weil es einfach kein Assessment Center gibt, das auch andere Qualitäten berücksichtigt.

Soft Skills werden unterschätzt

Also liebe Großkanzleien: Wenn ihr jemanden braucht, der euch in Richtung Soft Skills etwas beibringt – ihr dürft mich gerne jederzeit anrufen. Allen Jurastudenten kann ich nur sagen: Jura ist wichtig – man muss viel lernen und sich reinhängen. Aber man muss auch an seinen Soft Skills arbeiten, die man dann braucht, wenn man unternehmerisch tätig wird – wie jeder selbständige Anwalt und jeder Partner einer mittelständischen Kanzlei. Man muss akquirieren, ein Netzwerk haben, und sprechen können vor Leuten – kurz: Man muss einfach mehr können als nur gute Noten schreiben!

Der GROßE Fehler der Großkanzleien

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