Mündliche Prüfung Jura

In fast jedem Studium kommt sie mindestens einmal vor – die mündliche Prüfung. Sei es die mündliche Prüfung während des Staatsexamens oder im Rahmen einer Bachelor- oder Masterprüfung. Nicht jeder präsentiert sich gerne vor anderen Menschen, noch dazu, wenn im gleichen Augenblick eine Bewertung ansteht. Wenn man jedoch einige Punkte beachtet und sich dementsprechend vorbereitet, ist eine mündliche Prüfung oftmals nur halb so schlimm. Was gerade eine mündliche Prüfung ausmacht und worauf der Prüfling dabei besonders achten sollte – darum geht es in diesem Beitrag.

Die mündliche Prüfung – was zeichnet sie aus?

Die mündliche Prüfung zeichnet sich gerade dadurch aus, dass man den Prüfungsstoff auf Knopfdruck abrufen muss. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt da nicht. Während die meisten eine mündliche Prüfung an dieser Stelle mit eher negativen Gesichtspunkten verbinden, sollte man sich auch die Vorteile vor Augen führen und sich gerade auf diese konzentrieren.

Vorteile der mündlichen Prüfung: eigene Denkprozesse offenlegen

Ein Vorteil der mündlichen Prüfung gegenüber der schriftlichen Prüfung ist eindeutig die Flexibilität,- denn Prüflinge sind hier in der Lage, den Verlauf bis zu einem gewissen Grad selbst zu steuern. Hat man eine Frage beispielsweise nicht eindeutig verstanden oder ist sich seiner Antwort unsicher, hat man die Möglichkeit, geschickte und kluge Fragen zu stellen. Auch kann man die Gelegenheit dazu nutzen, seine Denkprozesse und Vorüberlegungen offenzulegen, was in einer schriftlichen Prüfung so nicht möglich ist. Dies sollte man immer zu seinem Vorteil nutzen, denn die Prüferin oder der Prüfer sieht auf diese Weise, wie Prüflinge an eine bestimmte Fragestellung herangehen und zu ihrem Ergebnis kommen. Gerade das ist in der Welt der Rechtswissenschaften oft wichtiger, als das eigentliche Ergebnis. Man kann demonstrieren, dass man mit dem Gesetz arbeiten und Wissen transferieren kann  – und nicht lediglich bestimmte Gesichtspunkte auswendig gelernt hat, ohne diese wirklich verstanden zu haben. Um dies in einer Stresssituation allerdings auch erfolgreich umsetzen zu können, ist es wichtig, sich bestimmte Kompetenzen anzueignen. Diese sind ebenfalls nach dem Studium von enormer Bedeutung, beispielsweise in Vorstellungsgesprächen, Verhandlungen oder Vorträgen aller Art.

Welche Kompetenzen sind von angehenden JuristInnen in mündlichen Prüfungen gefragt?

Auch, wenn es selbstverständlich wichtig ist, fachlich gut vorbereitet in die mündliche Prüfung zu gehen, ist es ebenso wichtig, den Prüferinnen und Prüfern selbstbewusst und erhobenen Hauptes zu begegnen. Das bedeutet jedoch nicht, dass man arrogant und ohne jeglichen Respekt agieren sollte. Genauso wichtig ist es, nach außen hin Ruhe auszustrahlen. Auch wenn jedem klar ist, dass man in einer Prüfung alles andere als ruhig ist, sollte man nicht zu schnell reden und sich, wenn nötig, bremsen. Unruhe strahlt immer eine gewisse Unsicherheit und Zerstreutheit aus. Deshalb sollte die Antwort durchdacht und strukturiert sein – und dafür sollten sich Prüflinge wenn nötig auch einen kurzen Moment zum Nachdenken nehmen. Sinnvoll ist es dabei, immer vom Allgemeinen in das Spezielle überzugehen (Überbegriff, Fachwissen, Beispiel). Besitzt man außerdem Wissen, das über die Frage hinausgeht, kann man auch hier in kurzen Worten zeigen, dass man mit diesem Problem vertraut ist. Das Lesen zwischen den Zeilen kann hier helfen. Oft fragen die Prüferinnen und Prüfer anschließend von sich aus weiter und man kann weitere Kenntnisse demonstrieren. Ist man dagegen bezüglich einer Thematik unsicher, sollte man lieber nicht riskieren, dass der Prüfer noch tiefer in ein bestimmtes Thema hineingeht. Andernfalls ist es an der Zeit, sich trotz der Unsicherheit gut zu verkaufen. Man sollte in so einem Fall nicht das Negative in den Vordergrund stellen und beispielsweise verstummen, sondern entweder mögliche Gedankengänge erläutern oder die Prüfer bitten, die Frage noch einmal auf andere Weise zu wiederholen. Doch selbst, wenn man absolut auf dem Holzweg ist, sollte man ehrlich sein und dazu stehen.

Wie wichtig ist die richtige Kleidung?

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Thema Kleidung, welches an dieser Stelle eindrucksvoll anhand eines am 19.02.2002 ergangenen Urteils des VG Berlin präsentiert werden kann.

Punkteabzug wegen unpassender Kleidung gerechtfertigt?

Es ging um eine Studentin des Masterstudienganges „Recht der öffentlichen Verwaltung“, die bei 35 Grad die mündliche Prüfung an einer Hochschule in Berlin antrat. Vorab teilte die Dozentin mit, dass ein „sicheres und überzeugendes Auftreten mit einem dem Charakter der Prüfung angemessenen Kleidungsstil“ maßgeblich wäre. Kurz vor der Prüfung korrigierte Sie ihre Aussage insofern, als dass aufgrund der hohen Temperaturen auf den „strengen formalen, geschäftlichen Dress-Code“ verzichtet würde, die Prüflinge jedoch „dem Anlass entsprechend ansprechend und gepflegt“ erscheinen sollten. Die besagte Studentin erschien zur Prüfung in Blue Jeans und einem gepunkteten Oberteil. Anschließend wurde die Prüfung mit der Note 1,7 bewertet – mit der Begründung, dass ihre Präsentationsweise unter ihrem Kleidungsstil gelitten hätte, der eher „einem Alltagsoutfit“ entsprach. Darauf erhob die Studentin Klage beim VG Berlin gegen die Hochschule. Das VG Berlin gab der Studentin Recht. Die Beklagte wurde dazu verpflichtet, der Studentin ein neues Abschlusszeugnis mit der Note 1,3 auszustellen, da die Bewertung der Prüfung bewertungsfehlerhaft gewesen sei. Die Einbeziehung der Kleidung sei höchstens dann möglich, wenn ein offensichtlicher Bezug zwischen der Prüfung und der Kleidung besteht, was bei dem Masterstudiengang „Recht der öffentlichen Verwaltung“ nicht der Fall war. Zudem seien die Anforderungen der Dozentin von Anfang an zu unbestimmt und subjektiv gewesen.

Unterbewusstes Urteilen über Kleidung muss einkalkuliert werden

Das Urteil zeigt, dass es zwar offiziell nicht zulässig ist, die Kleidung und das Auftreten in die Bewertung mit einzubeziehen, jedoch unterbewusst wohl jeder Prüfer den Prüfling auch nach seinem Auftreten bewertet. Steht eine Note möglicherweise auf der Kippe, kann der Kleidungsstil entscheidend sein. Es ist zu empfehlen, eine neutrale Kleidung zu wählen. Bei den Herren ist ein Anzug wohl immer die richtige Wahl. Die Damen machen mit einem neutralen schwarzen Kleid, einem Hosenanzug oder zumindest einem Blazer wohl nichts falsch. Verzichtet werden sollte an diesem Tag auf ausgefallene Outfits, Experimente oder gar zu tiefe Ausschnitte sowie knallige Farben. Trotz allem sollte man sich in seinem Outfit aber dennoch wohlfühlen. Fühlt man sich etwa verkleidet oder unwohl, leidet oft das Selbstbewusstsein, was während der mündlichen Prüfung nicht von Vorteil ist.

Exkurs: Mündliche Prüfung während der Coronakrise?

Aufgrund der Aktualität des Themas soll an dieser Stelle noch kurz auf die Coronakrise eingegangen werden, die auch Einfluss auf die mündlichen Prüfungen hat, da bei einer normalen Durchführung der notwendige Mindestabstand oft nicht eingehalten werden könnte. Ein Blick auf die jeweiligen Landesjustizprüfungsämter zeigt, dass auch diese mittlerweile ein Hygienekonzept ausgearbeitet haben. So werden je nach Größe des Raumes weniger Prüflinge gleichzeitig geprüft, um den Mindestabstand von 1,5 Metern gewährleisten zu können. Zudem ist es ZuschauerInnen untersagt, den Raum zu betreten, da an dieser Stelle eine Kontrolle nicht mehr gegeben wäre. Sofern der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann, ist ein Mund-Nasenschutz zu tragen. Bei Betreten des Gerichtes oder der Universität ist ein Mund-Nasenschutz, der bei Erreichen des Platzes abgenommen werden kann, mittlerweile sowieso obligatorisch.

Fazit: authentisch bleiben und Ruhe bewahren!

Insgesamt lässt sich sagen, dass die genannten Punkte zwar durchaus wichtig sind, um eine mündliche Prüfung erfolgreich hinter sich zu bringen, es jedoch nicht zielführend ist, sich in irgendeiner Weise zu verstellen. Das gilt sowohl für die Kleidung, als auch für die Art und Weise, wie man sich verhält oder spricht. Wichtig ist es dagegen, sowohl der Prüfung, als auch den Prüfern zu jedem Zeitpunkt den nötigen Respekt entgegenzubringen Wer so weit gekommen ist, kann sich seiner eigenen Kompetenzen ruhig bewusst sein.

Foto: Adobe.Stock/Sorbonne17th_StudentExamination
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